Zu meiner Arbeit gehört auch, gelegentlich mir etwas Neues einfallen zu lassen, was die Arbeit mit nun ja, überwiegend Kindergarten- und Grundschul-Kindern anbelangt. Ich mache das gerne und habe auch in diesem Bereich immer mehr Ideen als Zeit. Zur Zeit entwickele ich gerade eine Geschichte mit unserem Bibliotheksraben Keszi, die so in die Richtung “Lesen mit allen Sinnen” geht. Zu dieser Geschichte gehört eben, dass die Kinder fühlen, riechen, schmecken sollen. Und ich denke, sie werden ihren Spaß dabei haben. Sinn und Zweck dieser Übung soll sein, dass Kinder Spaß am Lesen, Sprechen und Zuhören entwickeln. Lesen ist und bleibt die Basiskompetenz, die ein Mensch lernen muss. Nur wer gut und flüssig lesen kann, kann die Informationen, die er bekommt, über welches Medium auch immer, auswerten und einordnen. Ist halt so. Aber Lesen gehört auch zu den Dingen, die man - so unvorstellbar mir persönlich das auch erscheinen mag - wieder verlernt, wenn man sie nicht ausreichend in jungen Jahren trainiert. Vielleicht kann man sich Wörter zusammenbuchstabieren, aber verstehen kann man sie nicht. Und in einer Zeit, wo jeder jede Information in Sekunden abrufen kann, wird es immer wichtiger, kritisch zu bleiben. Aber gut, darum soll es jetzt gar nicht gehen.
Vor ein paar Tagen kam mein Sohn aus der Schule nach Hause und fragte mich nach einem Buch. Ich hatte es gelesen, in den 80er Jahren schon, als es erschienen war. Und ich hatte keine gute Erinnerung daran. Dieses Buch, ein eher feministisches im übrigen, wird nun in einer 10. Klasse im Gymnasium gelesen. 15/16/17 sind die Jugendlichen, und in einem Alter, in dem Lesen eigentlich nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und wo man sich sehr genau überlegen sollte, was man ihnen als Lesestoff anbietet, um sie nicht gänzlich zu verschrecken. Das ist meine Sicht der Dinge, wohlgemerkt, aber offensichtlich nicht die Sicht der Pädagogen. Marlen Haushofer, “Die Wand” muss es sein, in einer Klasse, in der mehr Jungs sind als Mädchen.
Verstehen kann ich das nicht. Das Buch ist langweilig und langatmig geschrieben. Den Sinn dahinter kann ich zwar sehen - das Zurechtfinden in einer völligen Ausnahmesituation - aber die Umsetzung ist einfach fragwürdig. Und es taugt mehr dazu, die Jugendlichen vom Lesen abzuhalten, als sie dazu zu ermutigen. Und dann frage ich mich, warum ich mir so viel Mühe mache, den Kindern das Lesen schmackhaft zu machen, wenn der literarische Kanon der Lehrpläne dann frühzeitig alles wieder zunichte macht. Darüber werde ich heute wohl noch den ganzen Tag nachdenken, über den Sinn und Unsinn von Leseförderungsaktionen. Aber vielleicht findet sich ja auch ein Lehrer, der mir den Sinn und Unsinn der Lesekanons erklärt.