Erlebtes Oder: Reicht es, wenn man lesen kann, wenn man eine Bibliothek besucht?
Heute Vormittag war wieder eine unserer üblichen Mittwoch-Sitzungen. Ärgerlich war, dass sie dreimal länger dauerte als geplant und ich anschließend noch einen Gesprächstermin in unserer Zentrale hatte. Ärgerlich war auch das Gesprächsthema unserer Sitzung, weil es direkten Einfluss auf mein weiteres Arbeitsfeld hat, aber das tut hier eigentlich nichts zur Sache und das wollte ich auch nicht erzählen.
Da ich nun schon viel zu spät zu meinem Termin ankam, musste ich auf meinen Gesprächspartner eine Weile warten. Was nur recht und billig war. Und ich beobachtete, was um mich herum passierte. Vor einem unserer Auskunftsschreibtische beobachtete ich eine junge Frau mit einem kleinen, vielleicht fünf Jahre alten Kind. Dem Kleinen war langweilig und ein paar Mal rief die Mutter ihn freundlich zur Ordnung. Geduldig warteten die Beiden auf einen Kollegen, der ihnen weiterhelfen sollte, aber es passierte nichts, niemand ließ sich blicken. Plötzlich fragte der Kleine die Mutter, was auf dem Schild steht, dass auf dem verlassenen Schreibtisch stand (und das im übrigen auch meiner Aufmerksamkeit entgangen war). Langsam und mühsam las die Frau ihrem Sohn folgenden Satz vor: Dieser Auskunftsplatz ist derzeit nicht besetzt! Sprachs und rührte sich nicht vom Fleck.
Ein wenig später wies ich einen Kollegen auf die Kundin hin und er half ihr weiter. Ich überlege seitdem, ob es reicht, wenn man lesen kann, wenn man eine Bibliothek aufsucht, oder ob es doch auch Sinn macht, wenn man versteht, was man gelesen hat.
Es gab im übrigen keinen Hinweis darauf, dass die Frau Ausländerin war, mit ihrem Sohn sprach sie klares, deutliches Deutsch ohne jeden Akzent. Aber sie verdeutlichte etwas, was mir schon länger vor allem im Umgang mit Jugendlichen auffällt. Sie können lesen, oft krampfhaft und bemüht, manchmal auch flüssig und gut, aber sie verstehen in den meisten Fällen nicht, was sie gelesen haben. Wie werden sich solche Jugendlichen in einer immer schneller und hektischer werdenden Welt zurecht finden? Woher beziehen sie ihre Informationen, die sie für die Bewältigung ihres Alltages brauchen, wenn sie nicht mehr als die Schlagzeile der BILD-Zeitung verstehen und mit dem Text darunter schon überfordert sind?








April 27th, 2006 00:53
Hm, was willst Du denn jetzt mit diesem Beitrag vermitteln oder erreichen?
Was erwartest Du denn an Antworten?
Es gehört zu unserem Beruf, Menschen, egal welcher Herkunft, ich betone hier nochmal MENSCHEN, zum Lesen hinzuführen.
Nur da zu sitzen und auf den Kollegen zu warten und verweisen?
Und immer nur schimpfen? Das ist nicht o.K., wir sind als BiliotekarInnen zwar überwiegend Beamte, aber trotzdem (hoffentlich) keine Sesselfurzer und tragen eine gewisse Veratwortung.
(Ver-)führst du die o.g. Frau und ihr Kind durch Dein Verhalten zum Lesen? In meinen Augen ganz sicher nicht.
LG Heidi
April 27th, 2006 06:52
Hm, liebe Heidi, vielleicht zum Nachdenken anregen? Und Antworten auf rhetorische Fragen erwarte ich grundsätzlich keine.
Natürlich gehört zu unserem Beruf, Menschen zum Lesen hinzuführen, keine Frage. Aber nicht in einer Zentrale, in der ich der Kundin überhaupt nicht hätte helfen können, weil ich mich selber dort nur wenig auskenne. Mein Arbeitsplatz ist in einer Zweigstelle und dort bin ich wenigstens die Hälfte des Tages damit beschäftigt, Kinder zum Lesen hinzuführen - im übrigen zu wenigstens 80% ausländische Kinder. Nebenbei vermittle ich aber auch Erwachsenen Medienkompetenz, indem ich Internet-Kurse anbiete und grundsätzlich immer für Beratungsgespräche zur Verfügung stehe. Den Schuh, den Du mir anziehen willst und das nicht zum ersten Mal, passt mir nicht.
Ich danke Dir trotzdem für Deine Kommentare.
Viele Grüße
Kristin